Am Set von Babylon Berlin. Kapitel 3: Die Location – eine Zeitreise ins Jahr 1929

„…und dann komme ich da an und es war immer wieder eine tolle Überraschung, jeden Tag ein Geschenk – wie ein Adventskalender, der sieben Monate lang geht“…so Volker Bruch über die Motive bei Babylon Berlin. Das hat er vor dem Dreh für Staffel 3 in Babelsberg gesagt. Schon unser Aufenthaltsgebäude, die „Extras Holding“ ist beeindruckend. Zwar nicht gemütlich und innen auch nicht wirklich schön, aber das Gebäude ist definitiv ein filmhistorisches Schwergewicht: wir sind im Tonkreuz! Entstanden im „Jahr Babylon“, 1929, dem Handlungsjahr der ersten drei Staffeln. In diesem Jahr löst der Tonfilm den Stummfilm ab. Das war wie eine Revolution, eine der entscheidenden Zäsuren der Filmgeschichte. Nicht nur die Kinos, sondern auch die Filmstudios müssen umdenken und umbauen. Komplett neue Technik und neue Aufnahmegeräten werden benötigt. Die Studios aus Glas und Eisen sind für Tonfilmaufnahmen ungeeignet. Auf dem UFA-Gelände in Babelsberg wird das früh erkannt. Die UFA baut ein völlig neues Gebäude: eben das Tonkreuz.

Eines der alten Filmstudios in Neu-Babelsberg, noch mit viel Glas.
Luftbild auf das alte Studiogelände. Im Vordergrund das Tonkreuz, oben die Marlene Dietrich-Halle. Wir rennen immer zwischen den beiden Gebäuden hin und her.

Auf einer Fläche von 3500 Quadratmetern werden damals vier Tonfilmateliers gebaut, kreuzförmig um einen Innenhof herum angeordnet. Am 24. September 1929 darf dann die Presse ins Tonkreuz kommen und ist überwältigt – vielleicht auch, weil gerade der erste (abendfüllende) deutsche Tonfilm mit Superstar Willy Fritsch gedreht wird: „Melodie des Herzen“. Erster Satz des ersten Tonfilms: „Ich spare nämlich auf ein Pferd“.

Beeindruckende Filmgeschichte. Aber wirklich überwältigend und auch noch älter ist unser eigentlicher Drehort: die Marlene Dietrich-Halle. Gebaut wurde die Halle für das Filmmonstrum „Metropolis“ von Fritz Lang im Jahr 1926.  Damals war hier das größte Filmatelier Europas. Hier saß die Namensgeberin der Halle auf einem Fass und trällerte „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“. Das war im November 1929. Babylon Berlin versetzt uns in den September desselben Jahres. Die „fesche Lola“ war also noch nicht geboren.

Die Marlene-Dietrich Halle von außen. Eher so ein Wellblechpalast

Wir sind bereit. Mal wieder setzt sich unsere Mannschaft in Bewegung. Filmcrew, Tänzer, Musiker und die Komparsenbetreuer. Vom Tonkreuz geht es zu einem Seiteingang in die Marlene Dietrich-Halle. Der Gang, der uns zum Set führt, ist wie ein Zeittunnel. Vom Jahr 2019 neunzig Jahre zurück. In dieser fernen Vergangenheit drehen wir einen Tonfilm, den ersten Tonfilm der deutschen Filmgeschichte, so sagt das Drehbuch. Und werden dabei gefilmt. Film im Film. Set im Set. Reflexives Kino, wie die Profis sagen.

An der Wand der Speisezettel der UFA-Kantine. September 1929, diese Woche gibt es Bratwurst mit Sauerkraut und Salzkartoffeln für 2 Reichsmark. Lecker, lecker, aber leider nicht für uns. In der Marlene Dietrich-Halle ist alles auf 1929 getrimmt. Man könnte denken, die Halle wäre neu für Babylon Berlin gebaut worden. Aber sie ist echt. Also echt alt. Oben die Holzdecke, eine Galerie und diverse Beleuchtergänge, in schwindelerregender Höhe. Hoffentlich braucht man die nicht, schon beim Hochsehen bekomme ich einen flauen Magen. Überall stehen alte Filmrequisiten herum. Das Tonpult, an dem mein „Chef“, der Tonmeister, die Regler fachmännisch verschiebt. Eine Standkamera für den Filmfotografen. In einer Ecke hat die Maske ihre Schminktische und Spiegel aufgestellt. Eine Werkstatt mit Hammer, Besen und Eimern. Ein Holzturm mit einer weiteren Kamera. Eine Sitzecke mit schweren Sofas und einer Flasche Hochprozentigem. Tisch und Stuhl für Regisseur und seine Assistenten….und eine Bühne mit Requisitenteile, die wie eine Mischung aus „Das Cabinet des Dr. Caligari“ und „Metropolis“ aussehen. Expressionismus im Film!

Die Halle „nackt“ zur Vermietung freigeben. Und unten im Babylon Berlin-Look, während einer Drehpause. Im Hintergrund rechts meine Tonangel. Musste man viel verändern?

Vor allem aber natürlich: mein Arbeitsgerät. Als Tonassistent arbeite ich an einer großen Tonangel. Auf Rädern, denn glücklicherweise ist die Tonangel zum Tragen erst später erfunden worden. Komfortabel für mich. Voll Bewunderung betrachte ich mein Arbeitsgerät. Und entdecke einen kleinen Aufkleber, kaum zu erkennen, mit der Aufschrift „Besitz des DDR-Filmmuseums“. Das ist ja doppelt historisch: Ein Gegenstand aus der Weimarer Republik, der seinen Weg in die Sammlungen des DDR-Filmmuseums gefunden hat. Das Filmmuseum in Potsdam war das erste Deutschlands, noch vor dem Museum in Frankfurt. Und jetzt ist es eine Requisite für den Film im Film. Und diese Requisite bekommt am dritten Drehtag ihren Auftritt…

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