(Foto-Credit Beitragsbild: Jeanne Mammen, o. T. (Selbstbildnis), o. D. (um 1926), Förderverein der Jeanne-Mammen-Stiftung e.V., © VG Bild-Kunst, Bonn 2017)

Ein gelangweiltes Paar, sie verzieht ihren Mundwinkel, er mümmelt an seiner Zigarette, beiden fallen fast die Augen zu. Gut kommt das Paar in dem Aquarell von Jeanne Mammen nicht weg. Eine Chronistin ihrer Zeit, des aufregenden Leben in den 20er Jahren, ist Mammen. Ihre Motive findet sie in den Cafés, den Etablissments und auf den Straßen der Stadt. Und dabei hat sie es häufig auf das mondäne Berlin abgesehen. Am liebsten malt sie in ihrer Nachbarschaft, nah ihrem Atelier am Kurfürstendamm 29. Dort hat Mammen, eine der ausdrucksstärksten Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts, bis zu ihrem Tod 1976 gelebt und gearbeitet. Hinterhaus, unter dem Dach. Das Atelier kann man tatsächlich noch auf Anfrage besichtigen. 

Wenige Meter entfernt befand sich das Café „Walter Reimann – Wiener Café und Conditorei“, Kudamm 35. In diesem mondänen Café sitzt auch das gar nicht so lebensfrohe Paar vom Aquarell „Café Reimann“ (um 1932). Das Café ist längst Geschichte, aber das Gebäude hat tatsächlich den Krieg überlebt und ist steht heute mit dem schillernden Namen „Hotel California“ Berlin-Gästen zur Verfügung. Und das Aquarell ist noch einige Tage in der Berlinischen Galerie zu bewundern, in der faszinierenden Retrospektive über Jeanne Mammens Kunst aus über 60 Jahren.

In Paris, Brüssel und Rom erhält sie ihre Ausbildung, sicherlich privilegiert für eine Frau in dieser Zeit. Im Ersten Weltkrieg verliert der Vater sein gesamtes Eigentum. Mammen schlägt sich als Zeichnerin durch und gewinnt nach und nach Anerkennung. Geadelt wurde Mammen schon 1929 von Kurt Tucholsky. In der Weltbühne bewundert er ihre „zarten, duftigen Aquarelle“. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten verliert sie ihre Arbeit. Aber es liegt noch fast ein halbes Jahrhundert Leben und Werk vor ihr – beeindruckend abgebildet in der Ausstellung der Berlinischen Galerie

Das Aquarell war übrigens lange Zeit in dem Besitz des Musical-Texters Fred Ebb. Und auch er hat eine besondere Verbindung zum Berlin der 20er Jahre: Ebb schrieb den Text für „Cabaret“, das Erfolgsmusical des Broadway. 1972 entstand der Film Cabaret, der bis heute das Bild auf Berlin in der Endphase der Weimarer Republik prägt. 

Link zur Berlinnischen Galerie https://www.berlinischegalerie.de/ausstellungen-berlin/aktuell/jeanne-mammen/

Link zur Jeanne-Mammen-Stiftung  http://www.jeanne-mammen.de/index.html