Großer Spaß für eine Mark Lustbarkeitssteuer – Tanzpalast Delphi (Best of 75/Nr. 64)

Guten Abend! Moment mal, Sie werden doch nicht etwa weitergehen? Hineinspaziert, werte Damen und Herren! Besuchen Sie unser hochgeschätztes Etablissement. Schauen Sie auf die Postkarte, da steht es doch schwarz auf weiß: die schönste Vergnügungsstätte Europas. Ja, es ist eine Werbepostkarte, von unserem Betrieb. Aber dann, lesen Sie hier, in dem „Führer durch das lasterhafte Berlin“ von Curt Moreck: „Es ist alles da, was eine verwöhnte Großstadtmenschheit über die Langeweile einer Nacht hinwegführen kann. Überzeugt? Na dann: Willkommen im Delphi-Tanzpalast!

Eingang zum Delphi
Der Eingang zum Delphi, vorbei an zwei Orakel-Säulen. Links die überdachte Bühne. Rechts das Theater des Westens. ©Leider war es uns nicht möglich, den Rechteinhaber ausfindig zu machen, bitte melden.

Tatsächlich ist das Delphi in der Kantstraße seit seiner Eröffnung 1928 einer der beliebtesten Orte für das Tanzvergnügen im „Neuen Westen“. Und dieses Vergnügen fängt schon am Nachmittag an, draußen, wenn denn das Wetter mitspielt. „Delphi“ steht groß am Eingang zu den Delphi-Terrassen. Zwischen zwei Säulen mit symbolisierter goldener Flamme geht man die Treppe hinauf und schon ist man umgeben von Palmen und anderen exotischen Pflanzen. Vier liegende Sphinxen bewachen die Vorfahrt von der Fasanenstraße, weitere thronen hoch oben auf dem Dach und schauen Richtung Osten und Westen. Ägypten, Griechenland? Hauptsache exotisch. Stühle und Tische laden zum Verweilen ein. Aber dann spielt schon die Tanzkapelle auf, unter der überdachten Bühne zeigen sich die ersten Tanzpaare.

Delphi Tanzpalast
Die Delphi-Terrassen. Unten der Eingang in den kleinen Tanzsaal mit der Delphi-Bar. Oben der Große Tanzsaal. Im Hintergrund das Theater des Westens ©Leider war es uns nicht möglich, den Rechteinhaber ausfindig zu machen, bitte melden.

Dann geht es hinein. Eine Mark Lustbarkeitssteuer ist am Eingang zu hinterlassen, aber dann kann man zur Eröffnung Großartiges erleben, wie in der Zeitung zu lesen war..: „Ein pechschwarzer Sohn aus dem schwärzesten Urlande der Niggertänze wirft seine gelenkigen Glieder exentrisch in die Tanzarena“.  Heute liest man diesen Satz mit Befremden und Entsetzen. Beschwerden konnten damals per Tischtelefon aufgegeben werden. Wobei dieses moderne Kommunikationsinstrument eigentlich eher zum Flirten gedacht war. Oder zum Anrufen des Orakel von Delphi? Kein Anschluss unter dieser Nummer….

Wenn man seine Blicke von der Tanzfläche wendet, dann sieht man Säulen, Putten, Skulpturen und pseudoantiken Wandschmuck, wie in einem griechischernTempel. Ein Tempel mit scheinbar offenem Dach, denn von der Decke des großen Tanzsaals strahlt ein Sternenhimmel über den Gästen. Für diese Beleuchtungskonstruktion hat der Architekt sogar ein Patent angemeldet.

Filmpalast Delphi
Eingang zum Kino über die Kantstraße

Bernhard Sehring ist der Name des Erbauers. Sehring kennt sich in dieser Ecke gut aus, das Nachbargebäude ist auch von ihm: es ist das Theater des Westens! Fast dreißig Jahre trennt die beiden Gebäude. Das Theater des Westens beeindruckt mit einer imposanten und reich dekorierten Fassade und im hinteren Teil mit einer mittelalterlich anmutenden Architektur mit Zinnen und Türmen. Dagegen ist das Gebäude des Delphi eher eine Reise in eine antik-exotische Fantasiewelt. Das Gebäude wirkt heute übrigens sehr viel nüchterner und sachlicher als in der Zeit, in der der Swing sich in Berlin ausbreitete.

 

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Ewiges Feuer! Säule am Eingang zum Delphi ©Zeitreisen Arne Krasting

Swing-Mekka an der Kantstraße, so wird das Delphi in den 30er Jahren genannt. Denn die eigentliche Blütezeit war tatsächlich später. Und im Jahr 1936, als Berlin während der Olympischen Spiele sich scheinbar weltoffen präsentiert, erlebt hier ein junger Musiker seinen Durchbruch: Teddy Stauffer und seine Original Teddys. 1929 nach Berlin gekommen, kann er in die Lücke stoßen, die die zahlreichen jüdischen Musiker hinterlassen haben. Und begeistert schreibt er: „Der Delphi-Palast an der Kantstrasse war nachmittags und abends überfüllt. Meistens drängten sich auf der Strasse noch Hunderte, die keinen Einlass mehr fanden.“

Dann kam der Krieg, das Gebäude liegt in Trümmern. Aber aus der Ruine entsteht etwas Neues, Großartiges, das bis heute Bestand hat: Der Delphi-Filmpalast – eines der schönsten Programmkinos Berlins. Und auch Musik gibt es hier wieder zu hören, in einem der feinsten Jazzclubs Berlins beheimatet, dem Quasimodo. Die Nachkriegsgeschichte lässt sich hier gut nachlesen. Die Sphinxen sind übrigens geblieben und wachen heute noch am Eingang zum Kino.

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Übrigens gibt es ein weiteres Delphi in Berlin, und da wird zumindest einmal im Jahr zum Jahreswechsel auch getanzt: das ehemalige Stummfilmkino Delphi in Weißensee.

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