Eine Unternehmensfestung – Das Karstadt-Verwaltungsgebäude (Best of 75/Nr.54)

Es sind große Zeiten für Karstadt. Zeiten der Superlative. Das Karstadt am Hermannplatz eröffnet 1929 als eines der modernsten und größten Kaufhäuser Europas. Die 89 Filialen und 29.000 Angestellten des Warenhauskonzerns Rudolf Karstadt AG sind europaweit unerreicht. Fehlt noch ein passendes Verwaltungsgebäude. Das stand nämlich eigentlich in Hamburg, wo der norddeutsche Konzern groß geworden ist. Aber die Berliner Stadtverwaltung lockte, in der Hoffnung auf Arbeitsplätze und Steuereinnahmen, und der Konzern folgte gerne, in der Hoffnung auf noch größere Umsätze.

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Karstadt am Hermannplatz, 1929 eröffnet – das ist der erhalten gebliebene Gebäudeteil auf der südlichen Seite.

Und so bezieht Karstadt 1931 seine neue Hauptverwaltung, dicht an dem Platz, der in diesen Jahren seinen Ambitionen als Weltstadtplatz gerecht werden wollte: am Alexanderplatz. Neue Königstraße, so heißt damals die vornehme Adresse der neuen Karstadt-Zentrale. Der Architekt der neuen Zentrale kennt sich aus mit Karstadt. Was Hans Hertlein für Siemens war, Peter Behrens für die AEG, das war Philip Schaefer für die Rudolf Karstadt AG: Haus- und Hofarchitekt, Leiter der Bauabteilung, Chefplaner. Schon als 20jähriger ist Schaefer für den Bau eines Kaufhauses in Düsseldorf mitverantwortlich, bevor er 1920 zur Karstadt AG nach Hamburg wechselt. Hier baut er die große Zentrale des Konzerns nahe der zentralen Einkaufsstraße, der Mönckebergstraße. Dann geht’s nach Berlin – und es folgt das Meisterwerk. Wie ein steingewordener Kulissenbau aus dem Film Metropolis ragt das Karstadt am Hermannplatz aus dem Häusermeer zwischen Neukölln und Kreuzberg heraus. Philip nimmt mit seinen Werken Einfluss auf die Architektursprache des Warenhauses in ganz Deutschland. Meistens streng vertikal gegliedert, ähneln sie Hochhäusern aus New York und Chicago. Nicht alle schätzen diese himmelwärts strebende Architektur, gerade das Bauhaus betont die Horizontale als Form der Moderne. Ein „senkrechter Gewaltakt“ stellen diese „Unternehmensfestungen“ dar, so polemisiert Siegfried Kracauer gegen Schäfer.

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Himmelwärts strebend. Das Verwaltungsgebäude am Alexanderplatz.

Das „Haus der Tausend Fenster“, wie das Verwaltungsgebäude in der Neuen Königstraße später auch genannt wurde, streckt sich über 177 Meter die Straße entlang und wirkt tatsächlich etwas einschüchternd. Es war damals das größte Bürogebäude der Stadt. Nicht nur als Bürohaus, auch als Lagerhaus dient der Karstadt-Block: gleich drei der neun Innenhöfe können mit Lieferwagen befahren werden. Zwanzig Lastenaufzüge bringen die Waren hoch und runter. Es muss schnell gehen, denn Karstadt will weiter expandieren. Aber dann kommt der Einbruch. Der Börsencrash in New York im Oktober 1929 zieht die ganze Weltwirtschaft in den Keller. Erst 1932 ist der Tiefpunkt erreicht. Und natürlich leidet auch Karstadt unter der Weltwirtschaftskrise.

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Das Karstadt-Verwaltungsgebäude kurz nach der Eröffnung. Damals noch in voller Länge. Im Krieg wurde ein Gebäudeteil links vom Turm zerstört und nicht wieder aufgebaut. @Landesarchiv Berlin

Rudolf Karstadt, der von der Gründung ein halbes Jahrhundert lang das Unternehmen leitete, verliert fast sein gesamtes privates Vermögen. Nicht nur im Kaufhaus am Hermannplatz gibt es Leerstand, auch das gerade erst bezogene Verwaltungsgebäude in der Neuen Königstraße ist viel zu groß. Untervermietungen helfen nicht mehr. 1935 werden keine Waren, sondern Umzugskartons gepackt. Nach nur vier Jahren zieht der Konzern weiter, in ein kleineres Verwaltungsgebäude am Ferbelliner Platz, selbstverständlich entworfen von Philip Schäfer. Das große Comeback des Konzerns erfolgt dann allerdings in der Nachkriegszeit, der Wirtschafswunderzeit.

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Die weitere „Karriere“ des Gebäudes an der Neuen Königsstraße ist spannend, aber nicht gerade glorreich. Als „Reichshaus“ beheimatet es das statistische Reichsamt, verantwortlich für die Judenzählungen im Nationalsozialismus. In der DDR findet die Polizei in dem beschädigten Gebäude einen Ersatz für ihre zerstörte „Roten Burg“, das Polizeipräsidium am Alexanderplatz. Eine Untersuchungshaftanstalt ist angegliedert.

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Blick vom Innenhof auf das ehemalige Gefängnis, heute als Gedenkort zu besichtigen.

2010 zieht mit der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie eine ganz der Demokratie verpflichtete Institution ein. Nicht nur die politischen Systeme, auch der Straßenname ändern sich mehrfach. „Bernhardt-Weiß-Straße“, so heißt sie heute und ist eine Hommage an den Vize-Polizeipräsidenten in der Weimarer Republik, der 1934 nach London emigrieren musste.

 

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