Die Elektrische kommt! Straßenbahn-Betriebshof Charlottenburg (Best of 75/Nr. 67)

Franz Biberkopf kommt aus dem Knast. „Er drehte den Kopf zurück nach der roten Mauer, aber die Elektrische sauste mit ihm auf den Schienen weg, dann stand nur noch sein Kopf in der Richtung des Gefängnisses. (…) Lebhafte Straßen tauchten auf, die Seestraße, Leute stiegen ein und aus. In ihm schrie es entsetzt: Achtung, Achtung, es geht los.“ So beschreibt Alfred Döblin in Berlin Alexanderplatz die Begegnung des Stehaufmännchens Biberkopf mit dem Verkehrschaos der Metropole Berlin – und der Straßenbahn.

Oder die Verfilmung von Emil und die Detektive aus dem Jahr 1931: Emil steigt am Bahnhof Zoo aus. Ein großes Gewusel, aber Emil gelingt es, unbemerkt dem Ganoven zu folgen, er springt in die Straßenbahn-Linie 177, die Joachimsthaler Straße runter, links im Blick die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche.

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Die Garagen für Fahrzeuge und im Hintergrund die Wohnblöcke für Betriebsangehörige und ihre Familien @Zeitreisen Arne Krasting

Die Straßenbahn oder Tram, ein Berliner Original. Aber so nennt sie damals keiner. Es ist einfach nur „die Elektrische“. Und die Elektrische ist in der Weimarer Republik das Verkehrsmittel Nummer 1 in Berlin. 1930 befördert sie 720 Millionen Fahrgäste im Jahr. Heute, auf zugegeben verkürzter Strecke, ist etwa ein Viertel der Fahrgäste im Vergleich zu damals unterwegs.

Die BVG gab es damals schon. Als städtische Berliner Verkehrs AG ist sie 1929 aus verschiedensten Firmen neu gegründet worden. Und die BVG braucht neue Wagenhallen und Verwaltungsgebäude. Dafür hatte die Firma einen Experten, der auch als „Hausarchitekt der Berliner Straßenbahn“ bezeichnet wurde: Jean Krämer. Fünf verschiedene Straßenbahnbetriebshöfe baute er um oder gleich neu.

Einen kompletten Straßenblock nimmt die Anlage in Charlottenburg ein. Und faszinierend ist, daß sie nicht nur aus den Wagen- und Rangierhallen besteht. Ein Ring aus Wohngebäuden umschließt den Betriebshof. Hier wohnen die Betriebsangehörigen. Die Arbeit direkt vor der Haustür. Die gesamte Infrastruktur für das Alltagsleben hat Architekt Jean Krämer (zusammen mit Gerhard Mensch) mitgeplant.

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An der Königin-Elisabeth-Straße sind zwei Torbauten, vor denen zwei überlebensgroße Skulpturen mit dem Titel „Arbeit und Heim“, geschaffen 1928 von Josef Thorak.

Es war sicherlich nicht immer einfach für die Anwohner. „Wir schleifen Gleise leise“, der Werbespruch der BVG war schon damals ein Wunsch. Denn bei 29 Gleisen und Platz für über 320 Straßenbahnwagen quietscht es häufiger. Ein Geräuschkulisse, die Franz Bieberkopf nach seiner Freilassung aus dem Knast total überfordern würde.  So gab es tatsächlich Beschwerden von den Bewohnern der Häuserblöcke. Heute gibt es zumindest keinen Straßenbahnlärm mehr, in die Hallen sind ein Supermarkt und ein Fahrradhändler eingezogen.

Ein anderer Betriebshof, ein Meisterwerk des Expressionismus, wird aber noch von der BVG genutzt. Und taucht natürlich auch noch in unserem Ranking auf.

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@Zeitreisen Arne Krasting
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