Bier zum Frühstück. Brauerei Groterjan (Best of 75/Nr. 62)

Malzbier?! In den Getränkekarten Berliner Bars findet man es kaum mehr. In den Getränkemärkten ist das dunkle, süße Getränk ein Ladenhüter. Aber in der Weimarer Republik war Malzbier, auch als Caramel-Bier bezeichnet, ein echter Verkaufsschlager. Und galt als gesund: das nährstoffhaltige Getränk mit Vitaminen und Mineralstoffen sollte nach dem Ersten Weltkrieg die hungernde Bevölkerung aufpeppen. Ein Bier auch für stillende Mütter und Kinder. Und natürlich für alle zum Frühstück!

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In Berlin ist damals vor allem eine Marke beliebt: „Hat‘s Caramel-Bier wohlgetan, dann war‘s bestimmt von Groterjan“, so heißt es. Groterjan, das ist der Name einer heute fast vergessenen Brauerei. 1894 meldet der Unternehmer Johann Christoph Groterjan ein Patent für sein Malzbier an. Die Erfolgsgeschichte startet im Prenzlauer Berg, sowieso ja ein günstiger Standort für Brauereien. Schon die ersten Jahre sind sehr erfolgreich: ein Brauereigelände mit großem Biergarten entsteht in der Nähe der Schönhauser Allee. Groterjan will seinen Erfolg genießen – und baut sich ein kleines Schlösschen mit Erkern, Türmen, Giebeln und viel Dekor – und natürlich mit Blick auf den Biergarten. Ein wunderschöner, historischer Kitsch, den man heute noch bewundern kann.

 

Im Prenzlauer Berg wird aber nach der Kaiserzeit kein Groterjan-Bier mehr gebraut. Wann der Braubetrieb hier vollständig eingestellt wird, ist nicht ganz klar. Aber klar ist: das Brauen geht woanders weiter, die Reise geht nach Wedding! Denn Malzbier wird immer beliebter. Inzwischen sogar mit den Finanzen und dem Know-How von einer Brauerei, die gerade durch die Decke schießt: die Engelhardt-Brauerei. Engelhardt schickt sich an, eine der wichtigsten Brauereien in Deutschland und der größte Malzbierproduzent weltweit zu werden.

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In der Prinzenallee entstehen die Werkanlagen mit Gärkeller, Sudhaus und Kesselhaus. Ende der 20er kommt es dann zu gravierenden baulichen Veränderungen. Eine große Flaschenbierabfüllgebäude mit Lager- und Versandräumen und ein neues Verwaltungsgebäude werden gebaut. Am 1. Mai 1929 wird die Fertigstellung gefeiert. Bruno Buch heißt der Architekt, er hat über hundert Gebäude in Berlin, vor allem im Industriebereich, realisiert. Die Fassade zur Prinzenallee ist mit gelb-braunen Klinkern modern und sachlich gestaltet, aber belebt durch einige expressive Motive. Links von dem breiten, auffälligen Eingangstor ist ein altes Firmensignet angebracht für „Groterjan. Malzbierbrauerei Groterjan & Co. Aktiengesellschaft“.

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Im Hof befindet sich die Flaschenbierabfüllung auf der rechten Seite, alle anderen Gebäude sind in den 1980er Jahren abgerissen worden. Groterjans Erfolgsweg endet in der Nachkriegszeit. Malzbier begeistert die Massen nicht mehr wie früher und andere Marken wie Vitamalz sind erfolgreicher als Groterjan. Nach dem Mauerbau übernimmt die Schultheiss Brauerei AG den angeschlagenen Malzbierproduzenten, aber in den späten 70er Jahren ist endgültig Schluss. Groterjan verschwindet nicht nur aus den Getränkemärkten und Bars, sondern auch schnell aus dem Gedächtnis der Berliner.

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Das Gebäude aber zeugt noch von einem erfolgreichen Unternehmen und den Getränke-Vorlieben der Berliner in den Zwanziger Jahren. Heute nutzen verschiedene Firmen den denkmalgeschützten Standort. Ein Zeitfenster bzw. vielmehr eine Zeitwand wird allerdings bald verschwinden: Die Brandmauer des Gebäudes Richtung Norden ziert ein fast komplett verblichenes „Mural“, wie man im Street Art-geschulten Berlin sagt. Was trinken wir? Schultheiss Bier…steht dort. Aber darunter dann auch noch: Groterjan Malzbier. Lang ist’s her. Darauf ein Malzbier!

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Ort: Prinzenallee 78/79, 13357 Berlin, U-Bahnhof Pankstraße

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