Wo Fritz Lang boxte – Die Versuchssiedlung in der Schorlemmerallee (Best of 75/Nr. 53)

Medienrummel in der Schorlemmerallee: „Die Dame“ ist in Dahlem und hat ihren besten Fotografen mitgebracht. Das mondäne, freigeistige, avantgardistische Magazin der Moderne macht einen Hausbesuch bei Fritz Lang. Wir sind im Jahr 1932, drei Jahre nachdem Fritz Lang mit seiner Frau Thea von Harbou vom Hohenzollerndamm weiter in den Süden gezogen ist. Natürlich interessiert sich Fotograf Martin Munkács vor allem für das Interieur in dem Haus des Starregisseurs. Gibt es den Boxring im Wohnzimmer wirklich? Wo arbeitet das Künstler-Paar an neuen Projekten? Und ist die Hausbar wahrhaftig aus Kupfer?

Die Fotografien von Martin Munkács (hier eine Auswahl) werfen einen Blick in das Privatleben von Fritz Lang. Aber seine Home-Story zeigt nicht das eigentlich Bemerkenswerte der Straße am Breitenbachplatz. Das Haus von Fritz Lang gehört zur Versuchssiedlung der Brüder Hans und Wassili Luckhardt und ihres Partners Alfons Anker. Die drei, Mitglieder der progressiven Architektenvereinigungen „Der Ring“, kaufen sich hier 1924 Grund und Boden und bauen. In der Schorlemmerallee entsteht eine Spielwiese für neues Bauen, eine Experimentierfläche für neue Bautechniken und Baumaterialien.

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Die Schorlemmerallee mit dem gepflegten Mittelstreifen. Auf der rechten Seite befinden sich der erste und zweite Bauabschnitt.

Ohne Bauherren, die an den Plänen rumnörgeln, ohne Investoren, die für die besten Rendite kämpfen, aber auch auf eigenes Risiko stellen die Architekten in den nächsten Jahren mehrere Reihenhauszeilen und Wohnhäuser fertig. Da die Häuser in mehreren Abschnitten gebaut werden, probieren die Architekten verschiedene Techniken aus. Zunächst schichten die Bauarbeiter noch Stein auf Stein, nach klassischer Mauerwerkstechnik. Aber 1927 folgt dann das Experiment: die Hausnummer 17B, ein etwas zurück gesetztes Atelierhaus, ist der erste Stahlskelettbau der Versuchssiedlung. Das Stahlskelett wird mit vorgefertigten Bimsbetonplatten geschlossen und die Fugen mit Spritzbeton ausgefüllt, eine neue Konstruktionsart. Als dritter und letzter Teil der Siedlung auf der anderen Straßenseite entsteht komplett in Stahlbeton eine radikal schnörkellose Häuserzeile.

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Glasbausteinwände als Sichtschutz, farbig eingefasst: der letzte Bauabschnitt der Siedlung, Nr. 12-12c

Eine kleine, aber bemerkenswerte private Bauausstellung ist hier zu bewundern, beispielhaft für neue Konstruktionsweisen des Neuen Bauens. Die Architekten haben außen und auch in dem Raumprogramm innen neue Wege gefunden. Kubisch gestaffelte Baukörper mit Flachdach, keinerlei Dekor, bis auf ein paar rote Ziegelbänder alles in Weiß gehalten: Ästhetisch ist das Ergebnis sicherlich ein Schock für viele der Villen-Bewohner in Dahlem. Aber das stört die ersten Nutzer der Versuchssiedlung nicht. Und ist es nicht das beste Zeichen, wenn Architekten selbst in die Häuser einziehen, die sie bauen? Dicht beieinander, getrennt nur von dem gemeinsam genutzten und leicht zurückversetzten Atelierhaus, wohnen die Brüder Luckhardt und Alfons Anker.

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Aber Fritz Lang ist natürlich der prominenteste Bewohner der kleinen Siedlung. Lang ist auf dem Höhepunkt seines Schaffens und arbeitet gerade an dem Film „M – eine Stadt sucht einen Mörder“. Hier findet er in dem schlichten Bau optimale Arbeitsbedingungen. Und er hat einen Boxring, an dem er regelmäßig trainiert – sowie seine Kupferbar. Aber nur vier Jahre bleibt Fritz Lang hier wohnen, dann verlässt er Frau und Land, um in Amerika seine Karriere fortzusetzen. Heute hat ein Kieferorthopäde in dem Haus seine Praxis, Behandlungsstuhl statt Boxring. Aber das Haus daneben (Stand Mai 2020) steht zum Verkauf und wirbt mit dem prominenten Ex-Nachbarn. Wohnen in der Versuchssiedlung, damals wie heute wäre es einen Versuch wert – der Preis für das Haus ist von Anfangs 2 Millionen € auch bereits um einige Euro gesunken…

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Früher Fritz Lang, heute ein Kieferorthopäde. Vier Jahre wohnte der Star-Regisseur am Breitenbachplatz.
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